NichtWissen

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Geschrieben von: Mad

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Meer Stadt, statt mehr Stadt!

 „Das Zentrum der Städte ist tödlich erkrankt,
ihre Umfriedung ist wie vom Ungeziefer zerfressen“
(Le Corbusier)


Diese Aussage Le Corbusiers trifft sicherlich in vielerlei Punkten für das heutige Berlin zu. Wie genau das Gewebe der Stadt erkrankt ist und was das Meer mit der Stadt zu tun hat, soll im Laufe dieses Textes deutlich werden.  

Das Meer ist schon bei den alten Griechen im Leben und Denken ihrer Kultur fest verankert gewesen, jedoch stets ein Mysterium geblieben. Ein Mysterium ist es bis heute. Das Meer dient oft als Metapher, steht in der Tiefenpsychologie für das Unbewusste und für Gefühle und hat in Kulturen der vergangenen Zeit seinen festen Platz auch in der Philosophie und in der Architektur eingenommen. In Verbindung mit dem Meer sind mit die wichtigsten Städte und der von diesen Städten ausgehenden kulturellen und städtebaulichen Entwicklungen entstanden.

Das Meer ist nicht nur ein Wort, welches das Wasser als etwas Lebensnotweniges, bzw. Ursprüngliches darstellt. Sondern durch die gesamte Kulturgeschichte hinweg, wird es auch oft als etwas Bedrohliches beschrieben. Das unerforschte, ungewisse, unbewusste, unterbewusste Meer, dass das abgrundtief Schwarze ins sich birgt, das ist auch der Mensch, das ist auch die Stadt, in der er lebt. Vor allem aber sind es die zunehmenden Megacitys der Neuzeit, die neben den Leben spendenden Bedingungen auch vielfältige Gefahren und todbringendes Leiden in sich bergen.

Betrachtet man die Stadt als Insel im Meer, („Inseln die ich bewohnt habe // grün auf bewegungslosen Meeren.“ – Salvatore Quasimodo, aus Ed è subito sera), so kann sie ein Teil eines Archipels sein, einer Ansammlung von Städten, in einem Land oder auf einem Kontinent. Ist die Stadt aber das Meer, wo sind die Inseln, wo das Archipel, wo das Land, wo die Kontinente und vor Allem was ist dann das Wasser?
Beginnt man in der griechischen Antike,  wird das Wasser zum Urgrund.  Klaus Alpers zeigt in seinem Beitrag in Hartmut Böhmes Buch „Kulturgeschichte des Wassers“ auf, dass Okeanos, einer der drei Brüder die Kronos mit Rheia zeugte, in der griechischen Mythologie, „der Ursprung für alle Dinge ist“1    
 

„Das Meer Stadt“, und damit meine ich Megastrukturen und vierdimensionale Layerstrukturen, dessen Wachstum gerade noch kontrollierbar ist oder schon ein Ausbreitungsmaß annimmt, welches man als wuchernd oder selbständig wachsend bezeichnen kann, stellt ein "autopoitisches" 2 System dar, um Maturanas Begriff zu benutzen. Jedoch die Stadt ist kein autopoitisches System, wie das Ereignis des 11. Septembers in New York 2001 gezeigt hat. Hier geht es aber um Berlin, um eine Stadt mit einer ereignisreichen und lebendigen Geschichte.

Für Karl Marx war die Stadt ein Ort der Industrie, der Arbeiterschaft und ein Mittelpunkt gesellschaftlicher Verwandlung. Dieser Ort war zunächst ein Ort der Enge mit einer entstehenden Stadtwirtschaft. Jedoch stand diese Stadtwirtschaft in ansteigender Widersprüchlichkeit zur Enge der Stadt, was zur Sprengung der Enge führte und schließlich in einer ausgedehnteren Stadtwirtschaft endete. Diese Wiederum beinhaltet- auf großräumigem Niveau-  den Widerspruch zur Enge der Stadt, was ebenfalls wieder zur Sprengung dieser Enge führt, bis hin zu Dimensionen globaler Megastädten.
Im 19. Jahrhundert bildeten sich unterschiedliche Strömungen zur Problemlösung der bereits ausufernden Städte bei den Architekten und Städtebauern. Jedoch bis heute blieben die Versuche die Entwicklungen der Städte zu beeinflussen nur innerhalb gewisser Grenzen, da es die Menschen sind, die in einer Stadt wohnen und arbeiten und sie es sind, die die Stadt wesentlich beeinflussen. Es sind nicht die Architekten, Städtebauer oder Philosophen, sie können lediglich reagieren.
Wenden wir uns Berlin zu, einer Stadt mit einer ereignisreichen und lebendigen Geschichte.  

Berlin im 12. Jahrhundert, so wird berichtet, entstand aus zwei Siedlungen, Berlin und Cölln. 1307 wurden Berlin und Cölln zu einer Stadt vereint „Sie macht erst ab etwa 1880 eine stürmische Entwicklung durch, deren Dynamik sogar diejenige amerikanischer Städte übertrifft.“ 3
Man muss den weiteren Wachstumsverlauf an dieser Stelle nicht groß beschreiben, dass sich die Stadt Berlin das Bürgerliche auf Grund seiner Entstehungsgeschichte bis heute bewahrt hat und nicht der Hochhausbewegung in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefolgt ist. Sie versucht es  bis heute in den letzten Winkel zu bewahren. Berlin stellt einen Mittelpunkt Europas auf seine Weise dar, den nur Berlin in dieser Form, mit diesem Charakter und Charme besitzt. Das war nur möglich, weil die Stadt und ihre Bewohner sich den Raum nahmen, wie sich das Meer seinen Raum nimmt.
Wie tief man in Berlin oder beispielsweise in das Mittelmeer eintaucht, ist wohl jedem selbst überlassen. So, wie das Mittelmeer seine Vorzüge und Tücken hat, so gibt es diese mit Gewissheit auch in jeder Großstadt, auch in Berlin.  Beide verfügen über Orte der Ruhe und Unruhe, Höhen und Tiefen, fruchtbare und weniger fruchtbare Zonen. Zwar besitzt die Stadt im Allgemeinen nicht die harten Grenzen, wie sie Land und Wasser haben, doch herrschte in der Stadt für lange Zeit auch die Unterscheidung zwischen urbaner und peripherer Struktur, was heute in Berlin nicht mehr zu gelten scheint. Ein Vergleich zwischen Stadt und Meer ist natürlich gewagt und schwierig.
"Das Glatte und das Gekerbte" 4 sind eben zweierlei. Der Mensch will kontrollieren. Aber so wenig er das Meer kontrolliert, so sehr ist ihm die Kontrolle hinsichtlich seiner Städte anscheinend schon seit längerer Zeit entglitten.
Jedoch findet man in Berlin noch periphere Strukturen, sogar inmitten urbanem Gewebe. Solche Strukturen lassen sich etwa bei der Bahn Linie U1 entlang, vom Schlesischen Tor bis zur Prinzenstraße beobachten. 

Das Gefüge, oder Gewebe der Stadt, ist eine Ansammlung und Verknüpfung von Inseln, in denen die Häuser dekontextuiert sowohl innerhalb, als auch außerhalb dieser Inselstruktur funktionieren, insofern sie nach dem Gedanken des absoluten, des" kontextfreien Hauses" 5 geplant sind. Diese können eine Inselgruppe bilden, ein Archipel.
Solche Häuser sind unabhängig von ihrem Umfeld, unabhängig von Zeit und Raum. Diese Raum- Zeit- Unabhängigkeit muss sich durch ihren Inhalt erklären, welcher vom Architekten oder Städtebauern dargelegt werden muss und somit eher eine Schnittstelle oder Plattform, in Form eines Raum- Zeit- Kontinuums, begrenzt durch die Physik des Materials repräsentiert. Dieses kontextfreie Haus kann sich und muss sich sogar in ein vorhandenes Gewebe einfügen, wobei es dabei selbst stets unabhängig bleibt. Durchaus kann man den Begriff der "Heterotopie" 6 verwenden um die Merkmale, oder Wesenszüge, solcher Orte, bzw. Nicht- Orte zu beschreiben und konkreter zu erklären. Das autonome, absolute, kontextfreie Haus nach Sloterdijk ist also das Schiff, die Arche, welches das Meer, Stadt kerbt  und zwar nur genau dort, wo es steht.

Seit der cartesianischen Unterscheidung zwischen ausgedehnter Materie und nicht-räumlichem Geist ist der Mensch radikal von seiner Umwelt getrennt. Er steht seiner Welt und den Dingen in der Welt machtlos gegenüber. Das damit einhergehende Gefühl der Entfremdung hat seit dem späten 20. Jahrhundert Forderungen nach einer Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung laut werden lassen, auf die das Projekt „Meer Stadt; statt mehr Stadt“ zu reagieren versucht.
Die Aufgabe unserer Epoche, so der deutsche Kulturphilosoph Jean Gebser, ist der Versuch, eine bewusste Teilhabe des einzelnen Menschen an seiner Umgebung zu ermöglichen. Er forderte die Überwindung des perspektivischen Zeitalters, in dem Sehen und Denken räumlich fixiert werden, so dass das Subjekt nur Ausschnitte aus der gegenüber seienden Welt in den Blick bekam. Die Überwindung des Raums und eine neue Ganzheitlichkeit war daher das Ziel seiner Überlegungen.
Der Schritt in die aperspektivische Welt, in die „Welt ohne Gegenüber“, lässt sich architekturtheoretisch als wechselseitige Entgrenzung des urbanen Raums und der Körper, sowie als Durchdringung des Innen- und Außenraums in jede Dimension denken. In dem hier vorliegenden Raumkonzept findet einerseits das Äußere seine Bühne im Inneren, andererseits bringt das Innere die Grenzen zur Umgebung zum oszillieren. Die Qualität des Raumes liegt im offenen Gefüge und in seiner Ausdehnung, welche einen fließenden Übergang vom äußeren Stadtraum in den inneren halböffentlichen Raum, bis hin zum  Privatraum schafft.


Nun gilt es diesen Raum- Zeit unabhängigem Ort oder Nicht- Ort in der Stadt mit seinen Inseln, oder absoluten Häusern in vorhandene Strukturen und Schichtungen der zeitgenössischen Stadt zu integrieren, denn in der Realität der Raum- Zeit- Abhängigkeit sieht die Stadt ganz anders aus. Die Integralstruktur, welche dabei entstehen soll, schafft „die Wiederherstellung des unverletzten, ursprünglichen Zustandes, unter bereicherndem Einbezug aller bisherigen Leistungen“ 7 Jedoch ist dieser Zustand in der Stadt unterschiedlich oder teilweise gar nicht vorhanden, da kulturelle und soziale Faktoren in den einzelnen Bezirken verschieden sind oder alle bisherigen Leistungen vielleicht sogar zerstört.
Diese Erscheinungen sind nicht nur auf gesellschaftliche und politische  Räume zu beziehen, welche sicherlich Hauptmerkmale für diese „Verinselungen“ sein können, sondern auch auf  den Physikalischen Raum. „So dass es den Anschein hätte, als sei die Formbestimmung und Gestalt eines Dinges der Raum, wodurch die Größe und der Stoff der Größe begrenzt wird.“ 8
Es geht somit um den gebauten, bzw. den zu umbauenden Raum. Insbesondere geht es darum, einen Ort zu schaffen, mit einer konkreten Atmosphäre, einen Ort, welcher sein Umfeld und im besten Falle die ganze Stadt, also Berlin positiv beeinflusst. Dieser Ort muss eine Gestalt bekommen, eine Szenerie darstellen, eine Großstadtbühne verkörpern. Nach Wolfgang Hilbersheimer ist der architektonische Raum nicht „ wie ein Ding objektiv von uns gelöst, sondern handlungsbezogen. Er ist dazu gemacht, Menschen psychisch, sozial und kulturell aufeinander und auf die Welt ihrer Dinge zu beziehen, insofern ist er szenisch. […] Die Ausdrucksqualität architektonischer Orte zeigt sich in der suggestiven Wirkung ihrer Atmosphären.“ 9 Wie solch ein Ort, eine derartige  Atmosphäre aussieht, wurde Ihnen hoffentlich etwas verdeutlicht.

Hintergedanke ist es, eine neue oder andere- losgelöst von der Fesseln der klassischen Betrachtung der Stadt- zeitgenössische, dem Zeitalter der Medien und des Chaos gerechte, durchaus als bewusstseinserweiternde Sicht- und Betrachtungsweise im Städtebau zu bekommen. Weg von der fordistisch, und funktionalistischen Stadt, weg vom Zwang der Moderne und Postmoderne hin zur neuen Stadt, hin zu Meer Stadt, statt mehr Stadt.



„Wer braucht die Stadt?
Das gute Leben ist insulär
und die Architektur muss dafür sorgen,
dass es so bleibt“
(Gautam Bathia)








1 Böhme, Hartmut: Kulturgeschichte des Wassers, Frankfurt a.M. 1988. (S.68)
Diese Formulierung, „der Ursprung aller Dinge“ ist sehr allgemein zu betrachten, und durchaus mythologisch gemeint.

2 Humberto R. Maturana, Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis, München 1984(S. 55 ff.)  
Autonomie und Autopoiese : Ein System ist autonom, wenn es dazu fähig ist, seine eigene  Gesetzlichkeit beziehungsweise das ihm Eigene zu spezifizieren. Die autopoietische Organisation kann, wie jede Organisation, im Einzelfall durch viele verschiedene Klassen von  Bestandteilen verwirklicht werden. Diese Systeme sind nicht durch Außen zu beeinflussen, können sich jedoch von Innen heraus äußeren Umständen anpassen.

3 Wolsdorff , Christian: So war Berlin. Weingarten, 1997 (S.7)
Berlin wird als „schnell gewachsene Stadt in einer architektonischen Einheitlichkeit, die den anderen  Metropolen weitgehend fehlt,“ beschrieben. Trotz vieler Veränderungen im 19. Jahrhundert durch  Verkehr und Produktionsstädten behielt Berlin sein Stadtbild. „ Vorallem  durch die „radikalen Einschnitte, die die neuen Transportmittel mit sich brachten, neigten die Bauherren zur Überformung vorhandener Strukturen, was Neubauten  bisher unbekannter Größe nicht ausschloss.“

4 Deleuze, Gilles; Guattari, Félix: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin 1997 (S. 663 ff.)Das Modell des Meeres:  Das Meer ist der Archetyp des glatten Raumes. „Der glatte Raum ist zuerst auf   dem  Meer gezähmt worden auf dem Meer hat man ein Modell für die Raumaufteilung, für das Aufzwingen der Einkerbung gefunden, das überall zum Vorbild genommen werden konnte.“ Gemeint sind hier die Bestimmung eines Punktes als Position, „den man durch eine Reihe von Berechnungen auf der Grundlage einer genauen Beobachtung der Sterne und der Sonne bekommt; und durch die Karte, die die Meridiane  und Breitenkreise, sowie die Längen und Breitengrade verbindet und so die bekannten oder unbekannten Regionen rastert.“

5 Sloterdijk, Peter: Sphären, 3 Bde, Frankfurt a.M. 1999                 (Bd II, S. 251 ff.)
Das kontextfreie oder wie Sloterdijk es auch bezeichnet absolute Haus, steht völlig ungebunden an die Landschaft und die Nachbargebäude. Es hätte keinen Keller, sondern einen Kiel, kein Fundament, sondern ein Navigationssystem. Es dürfte auch nur so viel Boden besitzen, wie zu ihm selbst gehört.

6 Dünne, Jörg; Günzel, Stephan: Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften.  
Michael Foucault: Von anderen Räumen. Frankfurt a.M. 2006.  (S. 317 ff.) 
„Eine Heteropie beginnt erst dann voll zu funktionieren wenn die Menschen einen absoluten Bruch mit der traditionellen Zeit vollzogen haben.“ Heteropien sind wirkliche Orte, wirksame Orte, reale Orte. Sie sind in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet. Sie sind realisierte Utopien in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte.  Diese Orte beinhalten alle anderen Orte und doch stehen sie für sich.

7 Gebser, Jean: Ursprung und Gegenwart, München 1992. (S.165 ff.)
Die Konkretisierung der Zeit ist nach Gebser die Vorraussetzung der Entstehung einer solchen Integralstruktur, denn „es kann nur das Konkrete, niemals das Abstrakte integriert werden.“
 
8 Heuner, Ulf: Klassische Texte zum Raum, Aristoteles: Physik,  Berlin 2007. (S.35)
 
9 Meisenheimer, Wolfgang: Das Denken des Leibes und der architektonische Raum, Köln 2004
(S. 15 ff.)

 

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